Handbuch für Pilzsammler - Cover VorderseiteDas rund 400 Seiten umfassende „Handbuch für Pilzsammler“ von Andreas Gminder misst 19,3 x 13,3 x 2,5 cm und kann deshalb einigen Pilzfreundinnen und Pilzfreunden für unterwegs bereits zu unhandlich und zu schwer sein. Die Vorderseite lockt die Leserin/den Leser mit einem Steinpilz* zum Schmökern an – einer der bekanntesten und am häufigsten gesammelten Speisepilze. Der Umschlag ist ausklappbar: Auf der Innenseite des Covers befindet sich ein kompakter Schlüssel zu den behandelten sieben Pilzgruppen, beim Ausklappen werden auf einer Doppelseite die wichtigsten 40 Gattungen und Artengruppen als Bildkacheln dargestellt. Die Innenseite der Rückseite zeigt die aus der Sicht des Autors zwölf besten Speisepilze und verweist auf die Seiten mit den Artporträts und Rezepten. Beim Ausklappen wird auf einer Doppelseite eine Übersicht der zwölf behandelten Lebensräume mit den jeweils vier häufigsten Speisepilzen inklusive Seitenzahlen der Artporträts, eine Qualitätseinstufung mit bis zu drei Sternen sowie den typischen Erscheinungszeiträumen in Monaten sichtbar. Auch an eine Messskala mit Millimetereinteilung auf der Rückseite zum Vermessen von Fruchtkörpern hat der Verlag gedacht. Leider wurde sie zugunsten eines hochkant aufgedruckten Firmenlogos nur 14 cm lang bemessen. Hätte sich Kosmos mit dem Logo auf dem Front-Cover und dem Buchrücken begnügt, wären durchaus 18 cm drin gewesen.

Die Inhalte sind im Wesentlichen in vier Blöcke gegliedert: 1. Biologie und Lebensräume, 2. Bestimmungsschlüssel, 3. Artporträts und 4. Sammeln und genießen. Im ersten Block „Biologie und Lebensräume“ gibt Gminder auf einer Doppelseite zunächst einen knappen Überblick, was ein Pilz eigentlich ist und wie sich die Fadenwesen fortpflanzen und ernähren. Auf der folgenden Doppelseite widmet sich der Autor kurz den Fragen, wann und wo sich eine Suche lohnt. Anschließend werden auf zwölf Doppelseiten die wichtigsten Lebensräume skizziert, angefangen vom sauren Fichtenwald über die basenreichen Buchenwälder bis hin zu Wiesen und Weiden sowie Wegrändern.

  • Handbuch_fuer_Pilzsammler_BestimmungsschluesselÜbersicht Bestimmungsschlüssel
  • Handbuch_fuer_Pilzsammler_RoehrlingeBestimmungsschlüssel Röhrlinge

Im zweiten Block „Bestimmungsschlüssel“ erklärt der Pilzexperte auf vier Seiten, was ein Bestimmungsschlüssel ist und wie man damit Pilzfunde bestimmen oder zumindest auf Gattungsebene oder eine Artengruppe eingrenzen kann. Es folgt eine Anleitung, in welcher Reihenfolge welche Schritte zu unternehmen sind. Dabei spart der Autor auch Themen wie das Anfertigen eines Sporenabwurfpräparats und die Überprüfung der Amyloidität des Sporenpulvers (Test der Farbreaktion unter der Zugabe eines Jod-Reagenz) nicht aus. Danach wird der Bestimmungsvorgang am Beispiel des Fliegenpilzes demonstriert.
Schließlich folgt auf einer Doppelseite der Bestimmungsschlüssel für die sieben Gruppen: 1. Röhrlinge, 2. Blätterpilze, 3. Porlinge, 4. Rindenpilze, 5. Nichtblätterpilze mit besonderen Formen und Gallertpilze, 6. Bauchpilze und Trüffeln sowie 7. Schlauchpilze (Becherlingsartige). Alle Gruppen sind farbig codiert, was sich als rote Linie durchs Buch fortsetzt – sehr übersichtlich. Die Gruppeneinteilung orientiert sich praxisnah am Aussehen/Aufbau der Fruchtkörper, weshalb sie nur selten die Systematik (Schubladensystem u. a. aus Familien, Gattungen und Arten) spiegelt – das wird die Finderin/den Finder aber nicht weiter stören, wenn dadurch ein Fund schneller zugeordnet werden kann. Daraufhin folgen auf rund 26 Seiten die Bestimmungsschlüssel für die sieben Gruppen, die zu den Gattungen und Artengruppen, selten auch einzelnen Arten, führen. Dabei wurde auf eine allgemeinverständliche Sprache geachtet. Sehr hilfreich ist die Illustration entscheidender Merkmale mit Skizzen. So lassen sich die Pilzfunde schnell über „Weggabelungen“ nach folgendem Muster eingrenzen – ich zitiere verkürzt:

31. Fruchtkörper weiß […] mit starkem Mehlgeruch […] → Mai-Ritterling, S. 137.
31* Fruchtkörper andersfarbig […] mit anderem Geruch → 32

32. Lamellen oder Fleisch auf Druck schwärzend […] → Raslinge, S. 134
32* Nicht auf Druck schwärzend […] → 33

Der dritte Block „Artporträts“ ist mit insgesamt 292 Seiten der umfangreichste. Allein 76 Seiten entfallen auf Übersichten von Gattungen und Artengruppen, in denen der Autor die allgemeinen Merkmale erläutert. Während kleinere oder für Speisepilzsammler weniger interessante Gattungen auf einer halben Seite abgehandelt werden, können artenreiche Gattungen mit Hinweisen zur weiteren Gliederung auch zwei oder drei Seiten einnehmen. Für die Täublinge wurden sogar zwei Doppelseiten verwendet. Auf den übrigen 216 Seiten werden die Arten beschrieben. Lesenswert sind vor allem die Bemerkungen und Angaben in den grün hinterlegten Boxen mit dem Titel „Wissenswertes...“ Sammlerinnen und Sammler finden bei jeder porträtierten Art außer dem Haupterscheinungszeitraum der Fruchtkörper in Monaten eine kleine Symbolgrafik für die vier möglichen Kategorien: 1. essbar, 2. unter Vorbehalt essbar, 3. ungenießbar und 4. giftig. Orange hinterlegte Boxen mit dem Titel „Vorsicht giftig!“ verraten zudem Details über Giftpilze bzw. giftige Doppelgänger.

  • Handbuch_fuer_Pilzsammler_DickroehrlingeGattungsübersicht Dickröhrlinge
  • Handbuch_fuer_Pilzsammler_SteinpilzeArtporträts Steinpilze

Lediglich die Boxen beim Steinpilz und Maronen-Röhrling irritieren, weil darin auf den Gallenröhrling aufmerksam gemacht wird, der im Artporträt jedoch korrekt aufgrund seines bitteren Geschmacks als lediglich ungenießbar ausgewiesen ist. Ähnlich verhält es sich beim Semmel-Stoppelpilz: In der Box wird lediglich auf den etwas bitteren geschmack im Alter hingewiesen. Bemerkenswert ist die Nebelkappe, die aufgrund des darin enthaltenen Nebularins und dessen genverändernder Wirkung als Giftpilz eingestuft worden ist. Die Deklaration des Gelbstieligen Muschelseitlings als Giftpilz basiert dagegen auf einem Gerücht (siehe Kunze et al. 2012). Positiv sticht wiederum der Hinweis bei der Totentrompete hervor, dass eingetrocknete und wiederaufgequollene sowie erfrorene Exemplare durch verdorbenes Eiweiß eine Lebensmittelvergiftung auslösen können. Abgerundet werden die Steckbriefe mit guten bis sehr guten Fotos – nur selten sind Teilbereiche überbelichtet, was jedoch kaum ins Gewicht fällt, da die Merkmale stets zu erkennen sind.

Im vierten und letzten Block „Sammeln und genießen“ bekommen die Leserinnen und Leser auf den ersten beiden Doppelseiten Ratschläge an die Hand, wie man richtig Pilze sammelt: die richtige Ausrüstung, ob man Pilze abschneiden oder herausdrehen soll, Sammelbeschränkungen und gesetzlich geschützte Pilze, Anmerkungen zum Naturschutz, wie man mit Pilzen umgeht und bei Zweifeln die Empfehlung, eine Pilzberatung aufzusuchen. Die folgenden anderthalb Seiten beschäftigen sich mit Pilzvergiftungen. Im Anschluss widmet sich Gminder auf zwei Seiten der Pilzkunde für Fortgeschrittene und erläutert beispielsweise, wie man einen Fund dokumentiert und einen Beleg anfertigt. Danach gibt's auf 13 Seiten Hinweise zur Verarbeitung des Sammelguts in der Küche und einige Pilzrezepte. Den Abschluss machen ein kurzes Glossar, die Rufnummern der Gift-Notruf-Zentralen, Literaturtipps sowie ein Register der deutschen und wissenschaftlichen Pilznamen.

* Diese Rezension bezieht sich auf die erste Auflage vom Juni 2008 (ISBN 978-3-440-11472-8; Front-Cover mit einem Steinpilz). Im Juni 2014 ist eine zweite Auflage erschienen (ISBN 978-3-440-14364-3; Front-Cover mit zwei Birkenpilzen).

 

Fazit: Andreas Gminders „Handbuch für Pilzsammler“ richtet sich an ambitionierte Einsteiger, die gerade erst in die Welt der Pilze eintauchen und mehr wollen, als ihre Funde mit den abgedruckten Fotos zu vergleichen. Die darin enthaltenen Bestimmungsschlüssel und Artporträts ermöglichen es den Leserinnen und Lesern rund 340 mitteleuropäische Arten anhand von Merkmalen und Lebensräumen zu bestimmen. Ist eine Art nicht enthalten, lassen sich die Funde oft für weitergehende Recherchen einer Gattung oder Artengruppe zuordnen. In die Strukturierung der Inhalte haben die Redaktion und der Autor viel Hirnschmalz investiert – Prädikat empfehlenswert. Der Preis von rund 20 Euro ist angemessen. Wem das Buch für unterwegs zu unhandlich und zu schwer ist, kann auf die 5 Euro billigere E-Book-Variante zurückgreifen. Toll wäre für die Zukunft ein optionales „Bilderbuch“ mit 1.000 Pilzarten oder mehr, das auf demselben Farbcode aufbaut.

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