2014

  • 2014-09-15_Xerocomellus_pruinatusBereifter Rotfußröhrling
  • 2014-09-15_Mycena_roseaRosa Rettich-Helmling
  • 2014-09-15_Cortinarius_bolarisRotschuppiger Raukopf
  • 2014-09-15_Craterellus_cornucopioidesHerbst-/Totentrompete
  • 2014-09-16_Amanita_muscariaFliegenpilz
  • 2014-09-16_Clavariadelphus_pistillarisHerkules-Riesenkeule
  • 2014-09-16_Ramariopsis_crocea_1Safrangelbe Wiesenkoralle
  • 2014-09-16_Ramariopsis_crocea_2Safrangelbe Wiesenkoralle
  • 2014-09-16_Lycoperdon_echinatumIgel-Stäubling

 

Aufgrund des bevorstehenden Umzugs von Augsburg nach Donauwörth war ich brennend an interessanten Pilzgründen in meiner neuen Heimat interessiert. Bei dem Besuch meiner Schwester und ihrer Familie Mitte September 2014 nutzte ich die Gelegenheit für eine mehrtägige Exkursion ins westlich der Rambergsiedlung gelegene „Riedlinger Holz“. Naturräumlich liegt das Gebiet auf der Riesalb, die zum östlichen Teil der Schwäbischen Alb gehört. Aus dem Landschaftssteckbrief des Bundesamts für Naturschutz (BfN 2012):

Der Untergrund der südlichen Riesalb ist durch eine bis zu 50 m mächtige Decke aus Trümmermasse des Ries, bei der es sich zumeist um Malm handelt, bedeckt. Relativ große Reste eines Eichen-Buchenwaldes sind hier noch zu finden, allerdings mit hohem Fichtenanteil.

Ergänzend ist anzumerken, dass teils Mischbestände mit Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Europäischer Lärche (Larix decidua) und Weiß-Tanne (Abies alba) vorkommen. Südlich exponierte, wärmebegünstigte Abschnitte sind mit Hainbuche (Carpinus betulus) und vereinzelt Rot-Eiche (Quercus rubra) durchsetzt, während auf den Nordhängen mit frischem Boden Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) und Berg-Ahorn dominieren.

Am ersten Tag stieß ich gleich am Waldrand auf den Gemeinen Rotfußröhrling (Xerocomellus chrysenteron) – danke an Jürgen Schreiner für die Bestimmung. Charakteristisch ist das Schnittbild mit dem blassgelben Hutfleisch sowie dem weinrötlich durchzogenen, nicht blauenden Stielfleisch und der schmutzig bräunlichen Stielbasis. Die Trama des Bereiften Rotfußröhrlings (X. pruinatus) ist dagegen intensiver gelb gefärbt und weist lediglich in der Stielrinde Rottöne auf. Außerdem reißt die Hutdeckschicht des Gemeinen Rotfußröhrlings gerne felderig auf und zeigt im Gegensatz zum Bereiften Rotfußröhrling keine ausgeprägt weinrote Unterschicht.
Speisepilzsammler müssen auf einen Befall der Fruchtkörper (Frk.) durch Goldschimmel achten. Dabei handelt es sich um die im Endstadium goldgelb gefärbten Nebenfruchtformen der Schmarotzer-Pustelpilze Hypomyces chrysospermus und H. microspermus, die gerne Rotfußröhrlinge (Xerocomellus sp.) parasitieren. (Besl et al. 1998, Põldmaa et al. 2014) Zunächst bildet sich auf den Röhrlingen ein weißliches, watteartiges Pilzgeflecht, das sich erst später durch massenhafte Konidien auffällig färbt. Problematisch sind die für den menschlichen Körper magen-darm-giftigen Stoffwechselprodukte der Goldschimmel, die sich bereits im Frühstadium in den Röhrlingsfruchtkörpern anreichern können.

Unweit des Fundorts präsentierte sich der Rosa Rettich-Helmling (Mycena rosea) im Buchenlaub. Die farbenprächtige, aber giftige Schönheit gehört zu den fleischigeren Gattungsvertretern mit Rettichgeruch. Die Frk. enthalten das Pilzgift Muskarin, das vermehrten Speichel- und Tränenfluss, eine Verengung der Pupillen, Schweißausbrüche, Erbrechen und Durchfall bis hin zum Kreislaufkollaps verursacht. Schlimmstenfalls kann eine Vergiftung durch Herzlähmung tödlich enden. Der sehr variable Gemeine Rettich-Helmling (Mycena pura) hat einen schmächtigeren Wuchs und keine oder allenfalls vereinzelte gestielt-aufgeblasenen, sterilen Elemente an den Lamellenschneiden (Cheilo-Zystiden). Erhard Ludwig bemerkt zudem in seinem Pilzkompendium, dass die rosahütige Typusvarietät entgegen den Angaben einiger Bestimmungsbücher keine Lila-, Purpur- und Violetttöne aufweist. (Ludwig 2012)

Wenige Meter weiter streckten zahlreiche Frk. des Rotschuppigen Raukopfs (Cortinarius bolaris) ihre Hüte in die Höhe. Markant sind das gilbende Fleisch und die rostorange bis rotbraune, bald schuppig aufreißende Hutdeckschicht, sodass an den Rissen der blass ockerfarbene Untergrund sichtbar wird. (Gminder 2010) Ähnlich sieht der Gilbende Raukopf (C. rubicundulus) aus, der ebenfalls überwiegend in Buchenwäldern vorkommt. Dessen zunächst gelbocker gefärbte und faserige Hut verfärbt sich an Druckstellen fuchsigbraun. Deutlich ausgebildete Schuppen fehlen. Außerdem hat er schmal mandelförmige statt breit elliptische Sporen.

In einem Polster aus Widertonmoos wuchsen die ersten jungen Herbsttrompeten (Craterellus cornucopioides). Die trichterförmigen, vollständig hohlen Frk. sehen mit ihren umgebogenen Rändern tatsächlich wie kleine Trompeten aus. Sie legen mit der Zeit noch deutlich an Größe zu und erinnern dann mehr an voluminöse Tubas. Die zur Pfifferlingsverwandtschaft zählende Art ist trotz der grau-braun bis schwarz-grau gefärbten Frk. ein begehrter Speisepilz. Besonders gerne werden getrocknete Exemplare pulverisiert zum Würzen von Soßen und Fleischgerichten verwendet. Im selben Habitat kann auch die wesentlich seltenere und von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie zum „Pilz des Jahres 2012“ erkorene Graue Kraterelle (C. cinereus) vorkommen. Deren Fruchtkörper haben zwar dieselbe düstere Farbgebung, entwickeln aber erst im Alter einen hohlen Stiel und haben unter den Hüten Leisten, die am Stiel herablaufen. Die Krause Kraterelle (C. sinuosus) hat dagegen lediglich eine glatte Außenseite und bald schon kraus-gewundene, wellig verbogene Hüte. Vom Speisewert her soll die Graue Kraterelle der Herbsttrompete ebenbürtig sein, während die Krause Kraterelle darunter rangiert.

Anschließend inspizierte ich eine Fichtenparzelle. Dort stieß ich auf mehrere junge, unversehrte Frk. des Fliegenpilzes (Amanita muscaria). Der zu den bekanntesten Pilzen überhaupt zählende Pilz hat eine leuchtend rote, glänzende Huthaut, die mit weißen Velumflocken besetzt ist. Jene Tupfen werden bisweilen vom Regen abgespült, weshalb solche Exemplare bei oberflächlicher Sichtung für einen Täubling (Russula sp.) gehalten werden können. Doch letztere haben unter der Hutdeckschicht kein gelbes sondern weißes Hutfleisch und eine brüchige Stieltrama ohne Faserrichtung. Auch fehlt ihnen die keulige, mit mehreren Warzengürteln bedeckte Stielbasis. Der wissenschaftliche Namensbestandteil „muscaria“ beruht übrigens auf der Entdeckung des Muskarins in den Frk. jener Art, das jedoch im Gegensatz zur Ibotensäure nur in geringen Spuren enthalten ist. Die Ibotensäure ist auch die Ursache für die Übelkeit beim Verzehr von Fliegenpilzen (Pantherina-Syndrom). Vom Konsum ist deshalb abzuraten.

Am Rand einer sonnigen Lichtung entdeckte ich unter einigen Rotbuchen mehrere imposante Exemplare der Herkules-Riesenkeule (Clavariadelphus pistillaris). Hier ist der Name Programm: Die jung zylindrischen, bald schon keulig verdickten Frk. mit abgerundeter Spitze können bis zu 30 cm hoch und mehre cm dick werden. Sie haben zunächst eine glatte, aber bald schon faltig-runzelige Oberfläche. Die Pilze sind ockergellb bis rot-bräunlich gefärbt, im Alter bisweilen lila überhaucht und zur Basis hin dunkler erscheinend. Das weiße, später zäh werdende Fleisch der ungenießbaren Herkules-Riesenkeule schmeckt bereits jung bitter, wohingegen das ebenso gefärbte, aber weich bleibende Fleisch der in etwa gleich großen Abgestutzten Riesenkeule (C. truncatus) einen süßlichen Geschmack aufweist. Der essbare Doppelgänger ist aber leicht durch das abrupt abgeflachte/abgestutzte obere Ende der Frk. und den Standort im Nadelwald zu erkennen. Letzte Gewissheit bringt die unterschiedliche makrochemische Farbreaktion der Fruchtschicht: Das Hymenium von C. pistillaris verfärbt sich bei Kontakt mit Kalilauge goldgelb, das von C. truncatus hingegen rot. (Jülich 1984) Darüber hinaus existiert mit der Zungen-Riesenkeule (C. ligula) sozusagen eine Miniaturausgabe der Herkules-Riesenkeule. Sie fruktifiziert oft mit zahlreichen Frk. in der Fichtennadelstreu. Ihr Geschmack ist zwar mild, dennoch wird die Art gemeinhin nicht als Speisepilz empfohlen.

Etwas weiter auf frischerem Boden unter Eschen fielen mir einige orange-gelben, mehrfach verzweigten Fruchtkörper ins Auge. Sie besiedelten überwiegend den Überrest eines finalmorschen, teils bemoosten Baumstumpfs, wuchsen aber auch auf dem Boden im Umkreis. Aufgrund der filigranen Struktur kam mir gleich die Safrangelbe Wiesenkoralle (Ramariopsis crocea) in den Sinn, aber aufgrund des Totholzes legte ich den Fund zunächst als banalen Klebrigen Hörnling (Calocera viscosa) ab. Erfreulicherweise fand ich beim Mikroskopieren normale zylindrische bis schmal-keulige Sporenständer (Basidien) und keine Y-förmige, wie sie für C. viscosa typisch wären. Die Sporen waren fast gänzlich rund, mit feinen Stacheln besetzt und maßen 3–3,5 µm im Durchmesser – das carotinoide Pigment ist übrigens wasserlöslich. Ähnlich sieht noch die Geweihförmige Wiesenkoralle (Clavulinopsis corniculata) aus, deren Astenden aber gebogen sind und deren Fleisch intensiv nach Mehl bzw. Salatgurke riecht.

Wieder auf dem Rückweg zu den Fahrrädern erspähte mein kleiner Neffe Timo einen Igel-Stäubling (Lycoperdon echinatum). Der stachelige Geselle faszinierte ihn derart, dass wir ein Exemplar zum Anschauen für die Mama einpacken mussten. Als großer Spinnenfreund hätte er gerne auch ein paar seiner Lieblingskrabbler mitgenommen, aber da hätte sich meine Schwester bei mir bedankt, wenn in der Wohnung plötzlich achtbeinige Gesellen herumflitzen. Der Igel-Stäubling hat eine runde bis invers birnenartige Form, ist zunächst weißlich, bald schon braun gefärbt und fällt insbesondere durch die bis zu 5 mm langen Stacheln auf, was unweigerlich an den Namensvetter aus dem Tierreich denken lässt. Die kantigen, an der Spitze gekrümmten und büscheligen Stacheln fallen bei Reife ab und hinterlassen auf der Oberfläche ein rot-braunes, netzartiges Muster. Wie bei allen Stäublingen zerfällt das Innere des Frk. bis auf den sterilen Stielbereich schließlich zu braunem Sporenpulver und die Außenhülle reißt auf, damit die Sporen ins Freie gelangen können.

 

Literatur

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